Warum gibt es immer weniger nationale Reitturniere? Haben wir uns als Reitsportgemeinschaft wirklich bewusst gemacht, was es heute braucht, um ein Turnier auf zeitgemäßem Niveau durchführen zu können?
Ein nationales Springturnier entsteht längst nicht mehr „nebenbei“. Die Anforderungen an Infrastruktur, Organisation, Sicherheit und Tierwohl sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen – ebenso die Erwartungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Hohe Qualität bedeutet heute unweigerlich auch hohe Kosten.
In der aktuellen Diskussion entsteht mitunter der Eindruck, die Durchführung eines CSN-B*-Turniers sei mit überschaubarem Aufwand möglich. Die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild: Die Zahl der Veranstalter nationaler Turniere nimmt seit Jahren kontinuierlich ab. Dazu kommt, dass es immer weniger Reitschulen gibt und sich der Reitsport insgesamt stark verändert hat. Insbesondere die Kosten für Pferde haben sich in den letzten 20 Jahren massiv – teilweise exponentiell – erhöht, was sich auf den gesamten Sport auswirkt.
Das wirft eine berechtigte Frage auf:
Wenn die Durchführung eines CSN-B*-Turniers tatsächlich so unkompliziert wäre, warum gibt es dann immer weniger davon? Selbstverständlich steht es grundsätzlich jedem frei, ein Turnier zu veranstalten. Wer diesen Schritt jedoch geht – oder bereits gegangen ist – weiß, wie viel organisatorischer, zeitlicher und finanzieller Einsatz dahintersteht. Viele derjenigen, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigen, kennen diesen Aufwand aus eigener Erfahrung.
Organisation heute: kein „Nebenbei“, sondern Dauerbelastung
Bei uns wird ein Turnier nicht „nebenbei“ organisiert. Hinter jeder Veranstaltung steht der durchgehende Einsatz der gesamten Familie sowie fixen Personals, über Wochen hinweg. Ziel ist es, faire, sichere und professionelle Rahmenbedingungen zu schaffen.
Dabei ist uns eines besonders wichtig:
Jede Reiterin und jeder Reiter soll sich willkommen fühlen.
Wir sind überzeugt, dass wir uns hier mit großem persönlichem Einsatz und viel Herzblut bemühen.
Diese Stellungnahme soll daher nicht polarisieren, sondern zu einem realistischen Verständnis der heutigen Rahmenbedingungen beitragen – als Grundlage für einen sachlichen und respektvollen Dialog über die Zukunft nationaler Turniere.
Turnierbedingungen heute: hohe Qualität – hohe Kosten
Diese Entwicklung hängt nicht zuletzt mit der Veränderung im Reitsport selbst zusammen. Die Werte der Pferde haben sich in den vergangenen 20 Jahren vervielfacht. Turnierpferde sind heute hochpreisige Sportpartner, in die viel Zeit, Ausbildung und finanzielle Mittel investiert werden. Entsprechend gestiegen sind auch die Erwartungen an die Rahmenbedingungen, unter denen sie vorgestellt werden.
In der Praxis kommt es häufig zu Aussagen wie:
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„Zu dem Turnier fahren wir nicht, der Boden ist nicht gut.“
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„Die Boxen stehen unter Wasser, wenn es regnet.“
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„Mein Pferd rutscht aus, wenn ich um die Kurve reite, scheiß Boden.“
- „Der Platz steht sofort unter Wasser wenn es nur ein bisschen regnet, dorthin fahre ich nicht“
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„Es gibt nichts Gutes zu essen, immer nur das Gleiche.“
- „Wenn es regnet kommt man nicht mal mit dem Auto/Hänger weg“
Diese Rückmeldungen sind nachvollziehbar – sie zeigen aber sehr deutlich, wie stark sich die Anforderungen an Turniere verändert haben. Was früher vielfach akzeptiert wurde, ist heute nicht mehr tragbar. Sicherheit, Komfort und Qualität sind zu zentralen Kriterien geworden.
Um diesen Erwartungen gerecht zu werden, sind umfangreiche Investitionen in Böden, Infrastruktur, Zufahrten, Stallungen, Verpflegung und Organisation notwendig. Diese Investitionen dienen in erster Linie dem Schutz der Pferde und Reiterinnen und Reiter – verursachen jedoch dauerhaft hohe Kosten.
Regionale Ausgangslage: realistisch betrachtet
Wir liegen mit unserer Reitsportanlage in Kärnten – einer Region mit begrenztem Einzugsgebiet. Im Gegensatz zu zentralen Turnierregionen Österreichs können wir nicht auf dauerhaft sehr hohe Starterzahlen bauen. Umso wichtiger ist es, bestehende Turniere so zu strukturieren, dass sie wirtschaftlich tragfähig bleiben, wenn sie auch künftig angeboten werden sollen.
Vor diesem Hintergrund möchten wir transparent darlegen, warum bestimmte organisatorische Maßnahmen – insbesondere die Boxenpflicht bei nationalen CSN-B-Springturnieren – bei uns notwendig geworden sind.
Konkretes Praxisbeispiel: nationales CSN-B*
Als Grundlage dient das am besten Besuchte nationales CSN-B* aus dem vergangenen Jahr mit
249 Pferden und 677 Starts – für Kärnten eine außergewöhnlich hohe Beteiligung.
Einnahmen (ohne Boxen)
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Nenngelder: 249 × € 30 = € 7.470
(Nenngeld € 35, davon verbleiben effektiv € 30 beim Veranstalter) -
Startgelder abzüglich ausgezahlter Preisgelder: € 7.508
Gesamteinnahmen: € 14.978
Detaillierte Kostenaufstellung
Sport & Offizielle
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Richter (4 Personen): € 2.400
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Parcoursbauer: € 1.000
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Parcoursbauer-Assistent: € 1.000
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Parcoursmannschaft: € 2.520
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Schreiber: € 360
Zwischensumme: € 8.680
Sicherheit & Tierwohl
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Rettungsdienst: € 1.500
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Turniertierarzt: € 1.050
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Hufschmied: € 750
Zwischensumme: € 3.300
Organisation & Technik
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Meldestelle: € 1.500
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Zeitnehmung: € 750
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Sprecher: € 750
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Ergebnisdienst (677 Starts × € 0,42): € 284
Zwischensumme: € 3.284
Unterbringung & Verpflegung der Offiziellen
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Hotelkosten: € 2.000
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Verpflegung: € 1.500
Zwischensumme: € 3.500
Infrastruktur & Sonstiges
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Pokale & Ehrenpreise: € 1.000
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Wasser & Strom: € 1.000
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Hilfsarbeiter / Sauberhaltung: € 500
Zwischensumme: € 2.500
Gesamtkosten (direkte Turnierkosten)
€ 21.264
Ergebnis (ohne Boxen)
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Einnahmen: € 14.978
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Kosten: € 21.264
Ergebnis: – € 6.286
In dieser Rechnung nicht enthalten sind u. a.:
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Maschinen- und Fahrzeugkosten
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Platz- und Bodenpflege
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Abnützung & Abschreibung von Böden und Hindernissen
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Turniertechnik
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Traktorfahrer / Platzwart
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Auf- und Abbau
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Werbung, Büro, Buchhaltung
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Versicherungen, Genehmigungen
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Arbeitszeit der gesamten Familie
Realistisch liegt der tatsächliche wirtschaftliche Abgang im fünfstelligen Bereich. Ein wesentlicher Unterschied zu früher ist zudem, dass Turniere heute kaum mehr auf freiwillige Helferinnen und Helfer zurückgreifen können. Tätigkeiten, die früher ehrenamtlich übernommen wurden, müssen inzwischen vollständig professionell organisiert und bezahlt werden. Dadurch entstehen Fixkosten, die unabhängig von der Starterzahl anfallen und einen wesentlichen Teil der Turnierkosten ausmachen.
Boxen: keine Gewinnquelle, sondern Kostenabfederung
Boxen sind keine zusätzliche „Einnahmequelle“, sondern eine notwendige Ergänzung, um einen Teil der entstehenden Fixkosten abzufedern. Sie lösen kein strukturelles Defizit, machen ein Turnier unter heutigen Bedingungen jedoch überhaupt erst darstellbar.
Ohne zusätzliche Einnahmequellen ist die Durchführung eines nationalen CSN-B-Springturniers an unserem Standort wirtschaftlich nicht mehr tragfähig. In anderen Regionen Österreichs können die Rahmenbedingungen durchaus anders aussehen. Letztlich ist jedoch jeder Veranstalter gefordert, seine Veranstaltungen eigenverantwortlich und wirtschaftlich nachhaltig zu planen und umzusetzen.
Kirche im Dorf lassen: Kosten für Reiter vs. Kosten für Veranstalter
Natürlich ist uns bewusst, dass alles teurer geworden ist – für alle Beteiligten.
Gleichzeitig sollte man die Entwicklung differenziert betrachten:
Für Tagesstarter und Reiterinnen/Reiter sind die Turnierkosten in den letzten über 20 Jahren nur moderat gestiegen:
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ca. € 75 (2005) für fünf Starts (Nenngeld € 25; Startgeld 5 x 10 € exkl. Sporteuro)
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ca. € 105 (2025) für fünf Starts (Nenngeld € 35; Startgeld 5 x 15 €exkl. Sporteuro)
→ rund 40 % Steigerung in 20 Jahren
Demgegenüber stehen jedoch massive Kostensteigerungen für Veranstalter:
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Infrastruktur
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Böden
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Technik
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Personal
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Energie
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Hindernismaterial etc.
Auch die Realität im Pferdesport selbst hat sich verändert:
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früher A/L-Pferde: € 5.000 – € 10.000
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heute: € 20.000 – € 30.000
Das entspricht einer Steigerung von 200 % bis 400 %.
Demgegenüber steht eine nur moderate Steigerung der Turnierkosten:
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2005: ca. € 75 bei fünf Starts
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2025: ca. € 105 bei fünf Starts
Das entspricht rund 40 % Steigerung in 20 Jahren.
Ein Turnierpferd kostet heute ein Vielfaches dessen, was vor 20 Jahren üblich war. Dieser Qualitätsanspruch bringt zwangsläufig höhere Anforderungen an Turniere mit sich.
Für unsere Region bedeutet das klar: Ein kostendeckender Turnierbetrieb ist unter diesen Voraussetzungen ohne zusätzliche Strukturen nicht mehr möglich.
Was wie so oft ausgeblendet wird – unsere bewussten Gegenmaßnahmen
Trotz dieser Rahmenbedingungen versuchen wir aktiv gegenzusteuern und etwas zurückzugeben:
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Boxenpass / Treuebonus (bei 10 bezahlten Boxen á € 150,00 gibt es eine Box Gratis)
- Günstige Boxen mit Tränker um € 115,00 für Teilnehmer die an Bewerben ohne Geldpreise teilnehmen
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erhöhtes Preisgeld bei den B* Turnieren
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Lavanttal Equestrian Series, bei der Preisgelder und Gratisboxen über die Saison zurückgegeben werden
Diese Maßnahmen sind bewusst gesetzt, werden jedoch in der Diskussion oft ausgeblendet oder als selbstverständlich angesehen. Das empfinden wir – bei allem Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen – als nicht ganz fair.
Tagesboxen inklusive Tränker – bewusste Abstufung
Uns ist bewusst, dass viele Reiterinnen und Reiter nicht das gesamte Wochenende am Turnier verbringen, sondern gezielt an ein oder zwei Tagen starten. Gerade für diese Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollten wir eine faire und praktikable Lösung schaffen.
Aus diesem Grund haben wir uns noch für eine eine zusätzliche Abstufung bei den Tagesboxen entschieden:
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1 Tag: € 60
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2 Tage gesamt: € 100
Der zweite Tag kostet somit nur mehr € 40. Die Reiter können natürlich Ihre Pferde wieder mit nach Hause nehmen. Diese Staffelung soll insbesondere Reiterinnen und Reitern, die an mehreren Tagen starten, eine wirtschaftlich attraktive Entlastung bieten, ohne die notwendige Qualität in Infrastruktur, Pflege und Organisation zu gefährden.
Warum wir diesen Weg gehen – und warum es nur gemeinsam geht
Unser Ziel ist es, nationale CSN-B-Springturniere weiterhin langfristig zu erhalten und damit regionale Startmöglichkeiten auf diesem Niveau zu sichern.
Die dargestellten Zahlen zeigen jedoch klar:
Unter den heutigen Rahmenbedingungen ist dies nur mit realistischen, angepassten Strukturen möglich.
Ob es diese Turniere künftig noch geben kann, ist daher eine gemeinsame Verantwortung von Veranstaltern und Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
Wir stehen für sachlichen Austausch, konstruktive Vorschläge und einen respektvollen Dialog – denn nur gemeinsam kann es gelingen, den nationalen Turniersport langfristig zu erhalten.
Andreas Stückler
Turnierveranstalter